Unter anderem ein Film aus der Trilogie "Paradies" von Ulrich Seidl
Das Poster für den Film “Liebe” zeigt eine füllige Frau, auf einem Bett liegend, hinter einem blauen Vorhang. Sie ist nackt, könnte in Gedanken an ihren Geliebten versunken sein, ermattet nach dem Liebesspiel mit ihm. Der Schein trügt? Das kommt auf die Sichtweise an.
Teresa war auf der Suche nach Liebe und hat zumindest die körperliche gefunden. Ihre Gefühle werden nicht befriedigt, doch das ist dem Zuschauer von Beginn an klar, wenn er sich die Bedingungen ansieht, unter denen sich die Paare kennenlernen und miteinander beschäftigen. Teresa ist eine Sextouristin in Kenia. Zusammen mit anderen Österreicherinnen, die sie in der Hotelanlage trifft, unterhält sie sich über ihre Wünsche und Bedürfnisse.
Sie träumt von einem Mann, der ihr in die Augen sieht, in ihre Seele. Im Urlaub geht es allerdings eher um Fleischbeschau. Die jungen, durchtrainierten Beachboys warten vor der Hotelanlage auf ihre Sugar mommies, die ihnen ihre Anzüge und Motorräder finanzieren. Sie stehen geduldig vor den Sonnenliegen der Hotelgäste und warten darauf, beachtet und auserwählt zu werden.Teresa lernt schnell, stellt Forderungen für ihr Geld, Gefühle, Bedürfnisse, Wünsche spielen keine Rolle mehr. Es geht nur noch darum, die sexuelle Lust zu befriedigen, auf der einen Seite, und auf der anderen, der afrikanischen Seite, der Familie durch Prostitution ein besseres Leben zu bieten.
Ulrich Seidl hält die Kamera so schonungslos auf die Körper, die sich, weit entfernt vom gängigen Schönheitsideal, in der Sonne aalen. Wir hören und sehen ihnen zu und winden uns in den Kinositzen, weil wir das Häßliche, Grobe, Ungehobelte nicht mehr ertragen können. In der Vorstellung, die ich besuchte, gab es viele Lacher in einer Szene, in der Teresa ihrem Lover beizubringen versucht, wie Frauen (körperlich) geliebt werden wollen. Sie gibt genaue Anweisungen, wie und wo er küssen sollte. Es hat etwas vom Fremdschäm-Format einiger Serien der Privatsender und genau darin liegt meiner Ansicht nach Seidls Intention: er beschönigt nichts, hält uns den Spiegel vor die Augen, zeigt, wie wir Afrika erneut kolonialisieren.
Das passiert nicht einseitig, sondern die Afrikaner haben – wie man in “Liebe” erkennen kann – gelernt, ihre Vorteile wahrzunehmen. Sie führen die Touristinnen in Schulen herum, um Geld für die Kinder zu erpressen. Bringen sie zu Familien, um Mitleid zu erregen und auch noch den letzten Pfennig zu erhalten. “Liebe” ist Teil einer Trilogie, genannt “Paradies”.
Mittlerweile sind alle Teile auf DVD erhältlich. Im zweiten Teil, “Glaube” geht es um Teresas Schwester, die sich dem Katholizismus verschrieben hat und missioniert. Auch Teresas Tochter ist ein Film gewidmet. Sie wird im Diätcamp gefilmt, im dritten Teil “Hoffnung”.
Der Titel “Liebe”, so einfach und einprägsam, ist eine gute Wahl. Wir haben alle eine Vorstellung davon, was Liebe ist, geben und nehmen, sind auf der Suche und fühlen uns durch diese vielfältigen Verstrickungen angesprochen. Kein Feuer, keine Kohle kann brennen so heiß dichtete schon Herbert Grönemeyer. Letztendlich geht es in allen drei Teilen um Liebe, ob nun die Liebe zu einem Gott, zu einem Betreuer/Arzt im Diätcamp oder zu einem Mann. Ulrich Seidl trifft uns 3 Mal mitten ins Herz.
Anne Hector
Anne arbeitet als Lektorin und Übersetzerin. Für OBerliner schreibt sie auch Rezensionen zu Büchern und Filmen.